Die Bedeutung

Allein die Notenvergabe legitimiert die Schulen. Entsprechend sind auch für Schülerinnen und Schüler die Noten das Mass aller Dinge, das Objekt der Begierde. Je stärker aber diese Notenverherrlichung, desto grösser die Gefahr des Irrtums, dass Noten den Grad der Bildung bestimmen. Desto augenfälliger ist aber auch der Bedeutungsverlust von Fächern, die keine Noten vergeben. Ein prominentes Beispiel ist das Schultheater, das zu allen historischen Zeiten, spätestens seit der Antike, ein ernstgenommenes Grundlagenfach in den Schulen war. Heute trägt es allenfalls den Rang eines Freifachs und fristet ein „Nice-to-have“-Nischenprodukt-Dasein.

Historische Bedeutung des Schultheaters

Im Zuge ihrer Verpflichtung gegenüber der antiken Bildungskultur breitete sich vornehmlich in humanistischen Jesuitengymnasien ein flächendeckender Schultheaterbetrieb aus. Zwischen Rhein, Alpen und Wien wurde an über achtzig Orten Schultheater nicht nur gefördert und praktiziert, sondern man versuchte, soviel Lehrstoff wie möglich durch Theater zu vermitteln. Angestrebt wurde dadurch etwa die Verlebendigung der Geschichte, die Verbesserung des Sprechens und der Fremdsprachen sowie sozialer Kompetenzen und Einsichten in soziale Rollen. Es gab kaum ein Schulstoff, der im Verlauf der Jahrhunderte nicht dem Schultheater überantwortet worden wäre.

 

Aber auch die Protestanten standen den katholischen Jesuiten um nichts nach: Im Jahre 1634 schrieb der evangelisch-lutherische Pfarrer Johannes Rist über den fünffachen Nutzen des Schultheaters, … daß ihr Judicum und Verstand nicht wenig dadurch wird gescherffet. …, sogar als Mittel gegen lasterhafte Versuchungen und moralische Stärkung wurde es eingesetzt: … Vors ander so werden auch die Gemühter dergestalt dadurch alteriret, daß sie den Lastern von hertzen gram und feind werden den Tugenden anhangen, schliesslich so nehmen sie auch dadurch andere und löblichere sitten an sich lernende was jhnen wol oder übel anstehet lassen die Forchtsamkeit fahren und in gegenwahrt hoher und grosser Leute ganz freymühtig jedoch gebürlich herauß zu reden. …” und endlich: … daß sie andere sachen hinfort desto leichter fassen und behalten. Man bedenke, dass Rist diese Zeilen inmitten des 30jährigen Krieges schrieb, bis dato eine der schlimmsten zivilen Katastrophen seit Menschheitsgedenken.

Das Schultheater ist eine Bildungs-Power-Boost

Die Maturitätsanerkennungsverordnung (MAV) nennt als Bildungsziele die Förderung der Willenskraft, der Sensibilität in musischen Belangen, der Intelligenz, die Entfaltung der persönlichen Reife, der Neugier, des selbständigen und teambestimmten Arbeitens, der Vorstellungskraft und der Kommunikationsfähigkeit, der geistigen Offenheit, des selbständigen Urteilens, des abstrahierenden, intuitiven und analogen Denkens. Die Erwerbung dieser Bildungsziele wird zur Erlangung der Hochschulreife vorausgesetzt.

 

Das Schultheater passt wie angegossen zu den obigen Bildungszielen, denn es birgt eine geballte Ladung hocheffizienter und polyvalenter Bildungspotentiale, welche diejenigen der Leistungsfächer bei weitem übertreffen.

 

Da ist zuerst die Leidenschaft, freiwillig Zeit und Energie in den Dienst einer Sache zu stellen, für das gemeinsame Ziel einer Aufführung. Das erfordert Aufopferungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und den Willen, Schwierigkeiten zu überwinden.

 

Die Rollenarbeit setzt voraus, seinen Ideenfundus herauszufordern, andere Menschen und ihr Verhalten genau zu beobachten und Rückschlüsse daraus zu ziehen. Dabei entdeckt man, welche Veränderungen sich im eigenen Körper ereignen.

 

Und dann die Arbeit am Text, die Erfahrung machen, dass der Zuschauer nur versteht, wenn der Schauspieler selber vollkommene Klarheit darüber besitzt, was er sagt;

überhaupt, sich vor ein Publikum hinzustellen und zu sprechen, zu erleben, wie es sich anfühlt, wenn es darauf ankommt und die Vorstellung läuft und es kein Zurück gibt.

 

Dann mit heissem Herzen zu erfahren, dass man sich durchsetzen und Konkurrenzsituationen bestehen kann, wie schwer die Verantwortung wiegt, die man selber gegenüber den Mitspielern trägt und auf die man selber angewiesen ist. Zu begreifen, eine echte Bedeutung im Ablauf einer Vorstellung zu haben, dass es ohne einen nicht funktioniert. 

 

Das alles sind Ur-Erfahrungen, welche die meisten jungen Menschen zum ersten Mal machen und die sichtbar und bleibend der Entfaltung ihrer Persönlichkeiten dienen. Auf die Frage, warum angesichts der heutigen schier unendlichen Freizeit- und digitalen Ablenkungsmöglichkeiten die Entscheidung für eine entbehrungsreiche und harte Probenarbeit ausfällt, bei der über das ganze Jahr hindurch zweimal wöchentlich nach Schulschluss sowie an den Wochenenden die volle Präsenz und Hingabe gefordert wird, gibt es einen dringenden Hinweis: Nicht vornehmlich literarische Neigungen führen diese Menschen zur Theaterarbeit, sondern die Suche nach der eigenen Identität. Man spürt intuitiv, dass man hier etwas über sich selber erfahren kann. Und was beschäftigt einen adoleszenten Menschen stärker als die Frage nach dem eigenen ICH.

Theaterverbot

Das Schultheater vermittelt bleibende Kompetenzen, die auch von einer Leistungsgesellschaft mit offenen Armen begrüsst werden müssten. Dennoch verbieten Eltern ihren Söhnen und Töchtern eine Teilnahme in der Theatergruppe, wenn die Noten in den Leistungsfächern kritisch sind, obwohl theaterwissenschaftliche Institute, wie etwa an der Uni Erlangen, seit Jahrzehnten empirische Belege dafür liefern, dass ein Engagement im Schultheater positiv mit den Noten in Leistungsfächern korreliert, das heisst, dass ein junger Mensch durch diese positiven Theatererfahrungen bildungswilliger und leistungsstärker in den eigentlichen Schulfächern wird. Lesen Sie Beispiele dazu unter "Stimmen Ehemaliger".

 

Solches paradoxes Verhalten vieler Eltern ist nicht erklär- und nachvollziehbar. Wir können nichts anderes machen als diesem Image immer und immer wieder die einhellige Meinung der Erziehungswissenschaft entgegenzuhalten:

 

„Ja, ich behaupte darum, dass das Theaterspiel eines der machtvollsten Bildungsmittel ist, die wir haben: ein Mittel, die eigene Person zu überschreiten, ein Mittel, der Erkundung von Menschen und Schicksalen und ein Mittel der Gestaltung der so gewonnen Einsicht.“

Hartmut von Hentig. Erziehungswissenschaftler

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