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2012

"Der zerbrochene Krug"

Das Drama ist neben der Epik und der Lyrik eine der drei grundlegenden literarischen Gattungen. Mit Dramatik meint man Texte mit verteilten Rollen. Etymologisch bedeutet Drama „Handlung“. Demnach braucht Theater zwingend Handlung. Zwar war dies Heinrich von Kleist hinlänglich bekannt, als er den Zerbrochenen Krug schrieb, was ihn indessen nicht daran hinderte, auf eine Handlung vollständig zu verzichten. Die ganze Geschichte ist in zwei Sätzen erzählt; bleibt die Frage, weshalb es das über zweihundertjährige Stück bis heute regelmäßig auf die Spielpläne der Bühnen der Welt schafft, wo es noch nicht einmal über eine Handlung verfügt.

 

Der Entstehungshintergrund des Lustspiels war ein Wettbewerb zwischen Freunden um ein Bild eines zerbrochenen Krugs, welchen Kleist für sich entschied. Wollte er bei der Gelegenheit gleich noch den Beweis antreten, dass ein solches Unterfangen auch ohne die ehernen Theatergesetze von Erfolg gekrönt sein kann?

 

Mitunter vielleicht auch, aber es gibt Hinweise darauf, dass Kleist ernsthaftere Gründe zu dieser Entscheidung drängten: Mit den wirkungsvollen Pfeilen der Sprachkunst, um die er noch in seinem Köcher wusste, konnte er es wagen, auf eine Handlung zu verzichten, um seine wahre Absicht, die dialogischen Auseinandersetzungen und Argumentationen der Figuren, radikal ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Schauspielern und Zuschauern zu rücken, damit der Kunst der Rhetorik ein orgiastisches Fest gefeiert werden kann. Der zerbrochene Krug ist im Grunde eine Hymne auf das unerschöpfliche Potential der Lüge und ihrer Faszination, wenn sie nur mit Phantasie aufgeladen wird.

 

Schon früh ist dem ebenso unerwartet wie ungelegen eintreffenden landesjuristischen Gerichtsrat Walter klar, dass der kommunale Friedensrichter Adam recht ordentlich Dreck am Stecken hat. Indessen beißt er sich daran die Zähne aus, diesen zu überführen. Fortwährend findet Adams atemberaubender Ideenreichtum einen brillanten rhetorischen Winkelzug, um sich im letzten Moment selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Das vermeintliche Zuschnappen und Entschlüpfen führt uns Kleist immer wiederkehrend vor.

 

Wer nun aber denkt, dass sich ein solches perpetuelles Szenario erschöpfen und den Zuschauer langweilen könnte, der hat weit gefehlt; denn während Kleist gerade diesen Vorgang benutzt, um uns seine sprachliche Virtuosität vorzuführen, speist seine Diktion auch gleichzeitig Haltungen und Dispositionen der Figuren. Dabei werden in deren mentalen Verfassungen und Charakteren viele Zwiespältigkeiten sichtbar: Bei näherer Betrachtung ist die scheinbar missbrauchte Dorfschönheit Eve ebenso wenig nur Opfer und Unschuldslamm wie der Dorfrichter nur Täter und Drecksschwein darstellt. Und die Scherben des Krugs, derentwegen es zur Gerichtsverhandlung kommt, sind nur Mittel zum Zweck für Eves Schwester Marthe, um verborgene Anliegen zu verhüllen. Auch der unbeteiligte Schreiber Licht weiß weit mehr, als er vorgibt und das Verhältnis der Brüder Tümpel und ihr Ansinnen bleibt merkwürdig und zuweilen widersprüchlich, bis schließlich die von sektiererischem Dunst behauchte Kronzeugin Brigitte mitten ins Geschehen hineinschneit, um dem Treiben ein Ende zu setzen.

 

Ständig geschieht Unerwartetes, das unvorbereitet und spontan wirkt, als ob es die Akteure auf der Bühne im unmittelbaren Moment und improvisierend erfinden würden. Diesem Spiel zuzuschauen ist ein purer Genuss und von köstlichem Witz. Unterhalten Sie sich gut!

verfasst von Alfred Bosshardt

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