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stück

2008

"Kasimir und Karoline"

"Man wirft mir vor, ich sei zu derb, ekelhaft, zu unheimlich, zu zynisch und was es dergleichen noch an soliden, gediegenen Eigenschaften gibt - und man übersieht dabei, daß ich doch kein anderes Bestreben habe, als die Welt zu schildern, wie sie halt leider ist." Ödön von Horváth

Eigentlich hätten sie einander gerne lieb, aber sie können zueinander nicht mehr kommen. Ein Streit zu Beginn treibt sie auseinander, ein Streit am Ende verfestigt die Trennung. Dazwischen liegt ein langer Oktoberfestabend auf der Wiesn, an dem sie sich wie in einem gewaltigen Reigen immer wieder begegnen, aber dennoch verfehlen. Es ist die Zeit der grossen Krise.

Der Chauffeur Kasimir ist eben arbeitslos geworden. Seine Braut Karoline würde dieses Schicksal vielleicht mit ihm tragen, aber dass es ihm die Freude am Feiern vermiest, kann sie nicht verstehen. So überlässt sie sich dem Festtreiben, wird eine der vielen Wiesnbräute, die für einen Abend von den Gauklern des Glücks an der Nase herumgeführt werden. In ihrem Falle sind das: der kleine Textilangestellte Schürzinger sowie zwei arrivierte Bürger, Schürzingers oberster Chef, der Kommerzienrat Rauch, und dessen Freund, ein honoriger Gerichtsrat aus dem deutschen Norden. Es geht nicht um Liebe, nur um Tauschgeschäfte und selbst diese verlaufen alles andere als fair. Das Ende ist absehbar, der Traum vom Glück und vom gesellschaftlichen Aufstieg geplatzt.

Kasimir gerät gleichfalls in falsche Hände, tut sich mit dem Merkl Franz, einem kleinen Ganoven, zusammen und steht Schmiere bei einem Diebstahl. Als der Franz danach gefasst wird, sucht die Merkl-Braut unverzüglich Ersatz und findet ihn ...

Über all dem schwebt der Zeppelin, Katalysator für die Träume vom ungelebten Leben. So wie er entschwebt, so verduften die einfachen Lösungen. Wir sind nicht bei Brecht, wo jedes dargestellte Problem zugleich seine Lösung in Spiegelschrift mit sich trägt. Wir sind aber auch nicht im Bernhardtheater, und so reden die Menschen dieses Volksstücks nicht volkstümlich, sondern manchmal derb und grob, öfters jedoch im entfremdeten Bildungsjargon der Zeit. Derjenigen Dummheit, die in Geschlechter- oder Schichtenvorurteilen oder in undurchschauten Phrasen liegt, können sie dennoch nicht entgehen.

Ich bin kein Satiriker, meine Herrschaften, ich habe kein anderes Ziel, als wie dies: Demaskierung des Bewusstseins. (Horvath)

Dieser Demaskierung dienen die theatralischen Mittel und insbesondere die Musik. Die bis ins einzelne vorgeschriebenen Melodien aus Schlager und Operette bringen Ruhe ins Getümmel der losgelassenen Gefühle und damit Zeit, den Kampf zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein zu führen. Zugleich ist Musik immer auch Gegenwelt, Präsenz des Utopischen und Illusionären. Eine Gegenwelt anderer Art bildet die Schau der menschlichen Abnormitäten, die wie der weisse Elefant im Karussell als Bezugspunkt des Festgeschehens dient und vielfache Spiegelungen von Menschlichem und Allzumenschlichem erlaubt. Und schliesslich dient der Demaskierung die Stilisierung des Spiels, die das Naturalistische eher vermeidet und zu einer Synthese aus Ernst und Ironie führen soll:

Stilisiert muss gespielt werden, damit die wesentliche Allgemeingültigkeit dieser Menschen betont wird (...), die realistisch zu bringenden Stellen (..) sind die, wo ganz plötzlich ein Mensch sichtbar wird wo er dasteht, ohne jede Lüge, aber das sind naturnotwendig nur ganz wenig Stellen. (Horvath)

Wenn Horvath kein Satiriker sein will, so muss die Demaskierung allerdings ihre Grenzen haben: Alle seine Figuren sind zwar widersprüchlich und bleiben unter ihren Möglichkeiten, aber sie bleiben zugleich Menschen, die um ihre Möglichkeiten kämpfen und sind als solche liebenswert wie wir. Es ist schlechterdings nicht einzusehen, inwiefern ein solches Stück heute nicht aktuell sein sollte.
Ernst Menet

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