2004

"Drei Schwestern"

Der Traum vom Leben

Anton Tschechows «Drei Schwestern» ist ein sehr tiefgründiges, anspruchsvolles Stück, das von der Suche nach dem Sinn und Glück des Lebens handelt. In ihrer sechsten Produktion bringt es die Theaterwerkstatt des Freien Gymnasiums auf die Bühne.

Moskau ist eine boomende Stadt. Bauten aus Stahl und Glas wachsen in den Himmel, überbieten sich in Grösse, Mächtigkeit und Protz. Moskau ist eine Stadt der vielen Möglichkeiten – eine Stadt der Sehnsucht. Denn im Russland jenseits der Metropolen riecht es nur allzu rasch nach tiefster Provinz: heute ebenso wie vor hundert Jahren. Moskau – das ist die Metapher für einen Traum vom Leben, der nur in der Ferne erfüllt zu werden verspricht.

 

Fluchtpunkt Moskau

Moskau ist der Fluchtpunkt Olgas, Maschas und Irinas in Anton Tschechows   1901 uraufgeführtem Stück «Drei Schwestern». Vor Jahren sind sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Vater, einem hohen Offizier, und ihrem Bruder Andrej in eine abgelegene Garnisonsstadt gezogen. Die Erinnerung an die Grossstadt und der Traum vom wahren Leben, das sie nur dort zu finden glauben, ist ihr einziges (vermeintliches) Glück, und vor der Folie der Provinzgesellschaft, die sie umgibt: allesamt letztlich gescheiterte Gestalten, vermengen sich Langeweile und Lamento über das verpasste Leben zu einer unfrohen Gegenwart.

Die Erinnerung an die Vergangenheit wird von der Gegenwart verdrängt, mit der sich jedoch niemand ernstlich beschäftigen will. Sie wird nur als Ort der Dissonanz wahrgenommen und als Ausgangspunkt für allerlei Projektionen, die fern sind jeglicher Realität. Weder ist Andrej der Gelehrte, als den ihn die Schwestern sehen, noch kann er ihn sein; weder ist Moskau das Glück schlechthin, noch lässt sich ein Leben ohne inneren Aufbruch ändern.

Die einzige, die dies ansatzweise zu erkennen scheint, ist Irina. Mehr als alle andern sehnt sie sich nach Moskau als dem Sinnbild für ein glückliches Leben. Aber sie nimmt leise Abschied vom Traum der Liebe und des Glanzes. Sie will tatsächlich aufbrechen, innerlich und äusserlich. Der Baum jedoch, den sie, mädchenhaft singend, in Erwartung des Neuen anbetet, ist verdorrt. Das Glück, das sie sich erzwungen hat, ist trügerisch, und es wird zuletzt wie jeder Traum zerbrechen.

 

Wider die Illusionen

Tschechow hat den Illusionen nie viel Raum gelassen. Unfroh ist das Leben, wenn auch nicht zum Verzweifeln. Der Augenblick des Glücks lässt sich nur aus dem eigenen Innern heraus erzeugen, nicht durch die Projektion auf einen – räumlichen, zeitlichen – Fluchtpunkt. Dies ist auch die Botschaft dieser Inszenierung (Regie und Gesamtleitung: Alfred Bosshardt, Dramaturgie: Beatrice Rolli Zinsstag), die ihre Antworten aus Tschechows Auseinandersetzung mit den Schriften des römischen Kaisers Marc Aurel zur Frage der Lebensgestaltung nimmt. Denn mitten in die spiessig-gelangweilte Gesellschaft dringt eine tanzende, zaubernde und aufreizende Mädchengruppe ein und zeigt das Potenzial, das die Provinz zu mobilisieren imstande ist. Nicht die drei Schwestern, sondern die drei Girlies verabschieden sich zuletzt – nach Moskau: ein dramaturgischer Eingriff, der dem aktionslosen Lamento die Tatkraft entgegensetzt.

So vermag die Inszenierung bei allem Klamauk, bei aller Komik und Körperlichkeit, die freigelegt und lustvoll ausgelebt werden, die Nachdenklichkeit und ungebrochene Gültigkeit dieser Lebenssinnsuche sichtbar zu machen. Dies, die beeindruckende Leistung der Schülerinnen und Schüler und nicht zuletzt die musikalischen Intermezzi und die russischen Weisen machen die Aufführung zu einem Erlebnis.

von Markus Ackeret

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